Bergen > Heiligenhafen - 1975

Reisebericht

 

SOMMER 75    Antares – Seereise


Nach 3-jähriger Pause entschloß ich mich in diesem Jahr wieder an einer Antares-Reise teil-zunehmen und tat dies mit der für einen Ma-schinenbauer beruhigenden Gewißheit, an Bord der Antares einen neuen Motor mit neuem Ge-triebe und neuer Schaltung vorzufinden. Keine öligen Finger, keine Arbeitstage unter Deck, kein Tauchen nach Werkzeugen in der Bilge - klar, daß ich bei solchen Aussichten zusammen mit Vilem und Fuzzy in geradezu euphorischer Stimmung an Bord der Bergen-Line-Fähre "Ju-piter" ging, um von Cuxhaven nach Bergen zu gelangen.


Nach ruhiger Überfahrt in einer feudalen 2-Bett-Kabine, in die in einem Anfall von Bundesbrü-derlichkeit auch noch Fuzzy, der ursprünglich in einem Schlafsessel auf dem Unterdeck reiste, eingeladen worden war, erreichten wir ausrei-chend mit zollfreiem Whisky versorgt unseren Übernahmehafen. Dort allerdings kamen wir zu spät, um AH Heinz mit Familie anzutreffen, der tags zuvor Bergen mit dem Luxusliner "Europa" angelaufen hatte und dem mit dem Auto ange-reisten Teil unserer Crew zu einem netten ASV er-Treff an Bord der "Europa" verhalf. Auch die Antares-Vorcrew unter AH H., die sich mit den PKW' s wieder auf der Rückreise befand, beka-men wir leider nicht mehr zu Gesicht. Das feuchtfröhliche Wiedersehen mit den anderen ließ uns rasch auf der Antares heimisch werden, wenn wir auch den Luxus unseres Fährschiffes, besonders hinsichtlich der nicht vorhandenen Duschen, vermißten. Zum Glück hatten wir uns während der Überfahrt die Zeit mit Körperpflege vertrieben (Motto: "Oft geduscht, hat nie bay-reuth!") und somit konnte im Verlauf der Anta-res-Reise von weiteren rituellen Waschungen abgesehen werden! Diese Tatsache aber führte besonders in der zweiten Woche unserer Reise zu der begründeten Befürchtung, daß es bei Ereignissen wie etwa dem Stiefelausziehen unter Deck zu schweren Hagelschauern, infolge der plötzlichen Klimaveränderung, kommen könnte. Auch ein gegenseitiges Sich Anhau-chen wurde strengstens verboten; ein tropi-scher Wirbelsturm wäre die unvermeidbare Fol-ge gewesen.


Am Sonntag, dem 24.8. liefen wir morgens un-ter Motor von Bergen in Richtung Hardanger-Fjord aus. Angesichts unseres knapp bemes-senen Schnapsvorrats wurde gleichzeitig mit dem Auslaufen die Devise "EINTEILEN" ausge-geben. Eine von Dieter Hanne praktizierte Be-schichtung von ca. 6 Frühstücksbroten mit je 2 cm Edamer führte zu einer Ausdehnung der Pa-role auch auf feste Nahrungsstoffe, so daß dies später, mit dem im ASV üblichen Hang zur Übersteigerung zur Folge hatte, daß jeder je-dem vorhielt, was er alles auf dem Frühstücks-brot habe und daß die Brotscheiben eigentlich viel zu dick geschnitten seien, und, und, und ... Wegen der hervorragenden Proviantplanung und der qualitativ hochwertigen Bestückung (ein Lob an Per, und sicher auch an Claudia!) konn-ten hieraus jedoch keine ernsthaften Probleme erwachsen - diese sollten uns aus einer ande-ren Richtung kommen. Woher? Natürlich aus dem Motorluk !


Nachdem wir nämlich am ersten Tag unter Mo-tor durch sagenhaft schöne Schärengärten und enge Fjorddurchfahrten geschippert waren, kam es abends gegen 22 Uhr, nach der in den Fjor-den früh hereinbrechenden Dunkelheit, in Gjer-mundshamn bei Windstärke 1-2, Schneeschau-er und miserabelster Sicht zu einem Anlegema-növer, in dessen Verlauf die Schraube trotz gut laufenden Motors plötzlich keine Wirkung mehr zeigte, Motor aus, fallen Anker und klar bei Schlauchboot, waren die donnernden Befehle unseres bis dahin und im weiteren Verlauf der Reise wohltuend antiau-toritär agierenden Skip-pers Peter, So kam ich denn gleich am ersten Tag zu einer ach so beliebten Beibootmimik, um einen Tampen zu einem an der Pier liegenden Kutter zu pullen, an dem dann nach "all-hand" Manöver festgemacht wurde, Die Stimmung der Mannschaft an diesem Abend ist wohl kaum wiederzugeben: Ärger, Enttäuschung und die Angst, vielleicht soeben das Ende unserer Reise erlebt zu haben, ließen uns schließlich, nach der zunächst angenommenen Vermutung Getriebe-schaden, schweigend in die Kojen kriechen. Auch meine Euphorie war weg - mir schwante sowas wie ölige Finger, Arbeitstage unter Deck und Tauchen nach Werkzeug in der Bilge.... !


Am anderen Morgen entpuppte sich der Scha-den als Bruch der elastischen Kupplung zwi-schen Motor- und Schraubenwelle. Fuzzy und ich kamen danach zu der Diagnose: Dauer-bruch, erzeugt durch Schwingungen der nicht exakt fluchtenden Wellen. Außerdem wurde festgestellt: Bruch eines Motorlagerbocks, of-fensichtlich zeitlich weiter zurückliegend und durch die daraus resultierenden Motorbewe-gungen die Zerstörung der Kupplung bewir-kend, zumindest aber unterstützend. Nach Kleben der Gummihälften und Durchbolzen der Kupplung mit 4 langen Schrauben, die aus 6 km Entfernung mit Hilfe des wohl einzigen Me-chanikers im Fjord herbeigeschafft worden wa-ren (Preis: 1 Fl. Bacardi) konnte die Kupplung behelfsmäßig wiedereingebaut und der Fykkse-fjord einer der wohl imposantesten Fjorde Nor-wegens, doch noch erreicht werden. Unbe-schreiblich schön die vielen tosenden Wasser-fälle, die steil aufschießenden Felswände und die architektonisch interessante Brücke am Fjordeingang Von einem Ankermanöver am Fjordende, wohl einem der malerischsten Plät-ze, die unserer fotowütigen Besatzung vor die Objektive kam, mußte deshalb abgesehen wer-den, weil 15 m vom Ufer entfernt das Echolot noch 40 m Wassertiefe anzeigte ... es wurde sogar erwogen, den Anker auf der zum Greifen nahen Wiese abzulegen! Welche Situation al-lerdings dabei entstehen können, wenn ein auch nur mittlerer Wind in den kaminartigen Fjord einfällt, kann man sich leicht ausmalen, Der Fykksefjord bleibt auch wegen eines erfolg-reichen Fischzugs in guter Erinnerung - gelang es doch Vilem, einen wohlschmeckenden blau-en Wittling zu ködern, der mit seinen 30 cm Länge allerdings nicht ganz für die Verköstigung der Crew ausreichte.


Über Arvik erreichten wir gegen Ende der ersten Woche Leirvik, War das Wetter während der ersten Tage noch recht freundlich, hier in Leirvik schien man Bergen (der regenreichsten Stadt Europas) Konkurrenz machen zu wollen, Es goß wie aus Eimern Nachdem unterwegs die Kupp-lung wieder ihren Geist aufgegeben hatte und wir mit diesem Behelf nicht weitergurken woll-ten. fiel die Entscheidung, einen Mann per Fähre nach Stavanger zu schicken, um dort bei der Faryman-Vertretung eine neue Kupplung und einen neuen Motorlagerbock zu kaufen. Für die-sen Auftrag schien uns Fuzzy als der geeignete Mann, der sich auch alsbald mit Kupplung und Stockschirm bewaffnet nach Stavanger ein-schiffte.


Der Rest der Crew gab sich an diesem Hafen-tag den verschiedensten Arbeiten am Schiff hin, Unter anderem mußte Trinkwasser gebunkert werden und da Karl-Heinz einen Süßwasseran-schluß auf der anderen Seite des Hafenbeckens entdeckt hatte, mußten wir uns quer über den

Palstek.html

vom 24.8. - 7.9.75


Bergen

    - Gjermundshamn

    - Torviksbygd

    - Arvik

    - Leirvik

    - Skudeneshamn

    - Skagen

    - Frederikshavn

    - Grenaa

    - Aarhus

    - Nyborg

Heiligenhafen


Teilnehmer:

Skipper

I. Wache     


  1. II.Wache 

     

III. Wache 

             


Reisetage:        13

Strecke:          733

Per Asmuss

"Fuzzy"

Claudia

Dieter

Vilem

Ralph

Karl-Heinz

Hafen verholen. Ohne Motor und bei dem Schwell der ein- und auslaufenden Fähren eine ziemliche Mühsal, Hinüber erhielten wir unver-hoffte Hilfe vom Arbeitsboot eines auf Reede liegenden Supertankers. Wir wurden kurzerhand angehängt und vom Tankerkäpt'n persönlich bugsiert. Zurück ging' s dann per 50 m-Leine im Rucksverfahren. Als wir glücklich wieder fest-gemacht hatten, fragte uns der Hafenkapitän, der uns sicher als Idiotenclub noch heute in Erinnerung hat, warum wir denn nicht an dem direkt vor unserem Liegeplatz befindlichen An-schluß gebunkert hätten? !


Nach Fuzzy's heißersehnter Rückkehr mit den Ersatzteilen wurde in einer Nachtschicht mit Hilfe des Großbaums und der Fallwinsch der Motor gelupft, der Lagerbock eingebaut und die neue Kupplung montiert. Auf die dabei entste-henden Schwierigkeiten kann hier im Einzelnen nicht eingegangen werden; man möge mir glau-ben, daß sie teilweise horrend waren - mit See-reise hatte das nichts mehr zu tun! Pärchen, die an diesem Abend im Hafen von Leirvik entlang-schlenderten, bot sich das gespenstische Bild zweier ölverschmierter ASVer: Fuzzy, der mit einem abgebrochenen Sägeblatt zwischen wunden Fingern unter wilden Flüchen im Schein einer Straßenlaterne an einem Maschinenteil herumsäbelte, das von mir, als improvisiertem Schraubstock, unter Aufwendung aller Kräfte gegen einen Felsen gepreßt wurde ... Um 2 Uhr nachts dann Pro-belauf - alles wieder o. k. - sicher auch ein Höhepunkt dieser Reise!


Nachdem wir mindestens 2 Tage verloren hat-ten, segelten wir durch den Haugesund nach Skudeneshamn an der Atlantikküste, Unterwegs begegnete uns ein niederländisches U-Boot, das unser Flaggendippen freundlich erwiderte, was uns einigermaßen imponierte. Da in Sku-deneshamn ein guter NNW 5 stand, der nach Aussage des Wetterberichts von einer Süd-westlage abgelöst werden sollte, ließen wir von einem Schlag in den Lysefjord ab und nahmen Kurs auf‘s Skagerrak, Mittlerweilen war etwas Bewegung ins Schiff gekommen; vom Ge-brauch der vorsorglich bereitgehaltenen Gefrier-tüten konnte jedoch vorerst, wohl wegen der achterlichen Wetterlage und strahlendem Him-mel, abgesehen werden, Auf der Back erschie-nen zunehmend einteilige Gerichte, da bei de-ren Zubereitung längere Aufenthalte unter Deck entfallen können. Auch wurden raffiniertes Ab-schmecken und vorsichtiges Würzen, beson-ders nach der 2. Woche, durch den rabiaten Einsatz von Knoblauch und Tabasco abgelöst. Zusammen mit den bereits anfangs geschilder-ten klimatischen Bedingungen unter Deck, konnte man sich so zuweilen auf den Markt von Kabul versetzt fühlen, Bei Kap Lindesnes, Wind und Wellen hatten weiter zugelegt, begab sich der Verfasser erstmals an die Seereling, um die Fischfütterung zu eröffnen. Solchermaßen ge-schwächt konnte ich meiner Aufgabe als Wachgänger nur noch mühsam gerecht werden, zumal ein Anflug von Bewußtseinstrü-bung mich in einer Nacht den Skipper, wegen eines rot angeleuchteten Spinnakers auf Kollisionskurs, aus der Koje werfen ließ. Peter stürzte an Deck und riet mir, den Mond, der gerade mit schmaler Sichel aufgegangen war, an Steuerbord zu lassen ... .


Skagens Rev wurde bei totaler Flaute unter Mo-tor gerundet. So war ich glücklicherweise wie-der völlig fit, als Karl-Heinz' Geburtstagsparty mit Port und von Claudia gezauberten Obsttor-ten gefeiert wurde. Der für diesen Anlaß in Leir-vik zu ungenanntem Preis eingekaufte Sekt (so stands jedenfalls auf der Flasche) erwies sich als "Gewerkschaftsbrause" und schmeckte wie Apfelsaft mit aqua rülps.


Skagen, als einer der größten Fischereihäfen Dänemarks und in seiner industriemäßigen Ge-schäftigkeit das ganze Gegenteil zu Skudenes-hamn, dem wirklich romantischen Fischerhafen an Norwegens Westküste, war unsere erste Station auf dem Heimweg in der Ostsee. Aber dies war kein Nachhauseläppern, wie man es oft von Crews vernahm, wenn der zweite Teil der Reise angebrochen war. Konstante 5 Wind-stärken von achtern, mediterrane Sonne eine ganze Woche lang und eine Antares, die mit 7 Knoten durchs Kattegatt zischt - das entschä-digte für manche Unbill mit dem Motor, der jetzt nur noch bei den allabendlichen Hafenmanö-vern eingesetzt wurde. Frederikshavn, Grenaa, Aarhus - so hießen die nächsten Stationen; je-weils eine Tagestour mit stets gleichem, phan-tastischem Wetter. Für die zumeist in totaler Dunkelheit stattfindenden Anleger wurde von Per in Zusammenarbeit mit Karl-Heinz, dem Be-sitzer aller skandinavischen Fährfahr-pläne von Bornholm bis zur Packeisgrenze, ein vollkom-men neues navigatorisches Verfahren ent-wickelt.


Rezept:

Man nulpe recht unauffällig vor der, einem un-bekannten, Hafeneinfahrt herum und schaue in Karl-Heinz' Fährfahrplan nach, wann mit dem Einlaufen einer bestimmten Fähre zu rechnen ist. Zu diesem, vorher genau zu kalkulierenden, Zeitpunkt begibt man sich (wenn nötig mit Hilfe der weißen Signalraketen !!! ) auf die Haupt-schiffahrtswege und hängt sich einfach an die einlaufende Fähre mit full speed unter Motor an. Auf besondere Beobachtung von Fahrwasser-begrenzungen und Befeuerungen kann dabei, wegen des enormen Tiefgangs der Fähren, selbstredend verzichtet werden. Natürlich kann man die Beobachtung dieser Kennzeichen zur Sicherheit, zur Beruhigung der eigenen Nerven oder zu Einweisungen von auszubildenden Wachführern dozierend den-noch durchführen Wegen der neuen Betonnung in dänischen Ge-wässern empfiehlt sich letzteres allerdings nur dann, wenn man als Skipper im Besitz der neuesten Seekarten ist; peinliche Gesichtsver-luste widrigenfalls unvermeidbar sind.


Von Århus, das mir wegen eines feudalen Es-sens im Restaurant "Barberen" und unseres en-gen Liegeplatzes im vollgestopften Yachthafen des Aarhus S. C in Erinnerung blieb, segelten wir nach Nyborg und von dort unter Spi gen Heiligenhafen. Vor Fehmarn wurde Claudia zur Fotosafari im Schlauchboot ausgesetzt, um möglichst professionelle Bilder der Antares un-ter Spinnaker zu schießen, Die dazu notwendi-gen Spi-Manöver wurden unter der erprobten Leitung unseres Ex-"Walroß"-Seglers Dieter perfekt abgespult, der auch für die Erfin-dung eines Besanbaum-Niederholers verant-wortlich zeichnet, der allerdings wegen seines klampenausreißenden Nebeneffekts keinen Ein-zug in Admirals-Cupper-Kreise finden dürfte !


Abschließend kann wohl in Übereinstimmung mit allen Teilnehmern der Reise diese als wirk-lich gelungen bezeichnet werden, Hervorragen-de Vorbereitung, umsichtige Schiffsführung und bis auf die üblichen Kleinen Reibereien, eine durchweg freundliche und lustige Bordatmo-sphäre, können ebenso wie die herrlichen Se-geltage bei prächtigem Wetter auf der positiven Seite der Törns verbucht werden.

Die Motoranlage jedoch bleibt trotz dankens-wertem, hohem finanziellem Einsatz weiterhin dazu geeignet, einem den Segelspaß gehörig zu verderben.

Ralph