Einhand zum Nordkap

Reisebericht

 

23:00 Uhr Südlich von Tromsø

Vor Anker an der Westküste der Lofoten



Dragonfly 1000 - S.Y. peri


 

Værøy /Lofoten

Straumsund südlich von Tromsø

Die Segelzeitschrift Yacht veröffentlichte in Heft Nr. 5/2003

eine gekürzte und geänderte Fassung des nachfolgenden Berichtes.


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Vor der Westküste der Lofoten


Einhand zum Nordkap


Von Dänemark entlang der norwegischen Küste, durch Schären und Fjorde bis zum nördlich-sten Punkt Europas. Die aufregende Geschichte eines Soloseglers und seines Trimarans.

Nachtwache

"Warum mache ich das eigentlich?" Frierend sitze ich in meiner Ecke neben dem Niedergang und sinniere vor mich hin. Es ist früh am Morgen gegen 02:00 Uhr. Ich habe die Hundewache. Wie alle 15 Minuten, scheucht mich wieder mein Wecker hoch: Da ich alleine segle, muss ich auf Deck hi-naus um nach dem Rechten zu sehen. Es regnet immer noch. Seit zwei Tagen zwingt mich Nord-ostwind hoch am Wind auf Nordkurs. Bei 4-5 Bft geht es nun aber wenigstens wieder voran, nach-dem ich zuvor bei schwachen Winden auf der Kreuz kaum Höhe gut machen konnte. Nach einem Blick auf Segel, Wind, Wolken, See-gang und in die Runde auf der Suche nach fremden Positionslichtern am Horizont, verhole ich mich wieder nach unten in den ungeheizten Salon. Dort verkeile ich mich in meiner Ecke. Mit Zehengymnastik ver-suche ich die eisigen Füße etwas zu beleben. Obwohl ich gut wärmende Microfaserwäsche unter dem an sich sehr warmen Überlebensanzug trage, habe ich inzwischen Eiszapfen an den Füßen. Denn wegen der niedrigen Temperaturen draußen zwischen 0 und 5 °C (unter Deck mes-se ich 8-10°C, das Wasser hat 4-6°C) trage ich den Anzug nun schon seit einigen Tagen ununterbrochen. Zwar ist er dicht, das heißt, es kommt kein Wasser von außen in den Anzug, aber er ist auch dicht von innen nach außen. Und so hat sich wohl mein Körperschweiß inzwi-schen bei den Füßen angesammelt und die Wärmeisolierung erheblich verschlechtert. Daher also kommen die kalten Füße.


Nun ja, Anfang April ist hier Hitze ja auch nicht zu erwarten, denn ich befinde mich etwa 100 sm nordwestlich von Ålesund in der Norwegi-schen See auf dem Weg zum Nordkap. Zu Hause aber wärmt wohl die Frühlingssonne Tulpen und Osterglocken.

Warum also friere ich hier?



Vorbereitungen


Idee

Angefangen hat diese Reise, als ich zum ersten Male mit dem Auto zum Nordkap fuhr. Nachts kam ich nach Ulsvåg, genauer gesagt an die Stelle, wo die Straße über eine Bergkante kippt und plötz-lich den Blick auf die sagenumwobene Lofotenmauer freigibt. Ich war vom überraschenden Anblick der bizarren Bergkette, die aus dem spiegelglatten Vestfjord in einen violett bis rosa strahlenden Mitternachtshimmel ragte, völlig überwältigt. Kein Lüftchen regte sich. Trotz Müdigkeit bestaunte ich noch Stunden das Farbenspiel am Himmel über den mit Schnee bedeckten Bergzacken hinter dem eigenartig schimmernden Wasser des Meeresarms. Sehnsüchtig blickte ich damals hinüber zum Raftsund und fragte mich, ob man ihn trotz der starken Gezeitenströme durchsegeln könne. Der Wunsch, die Lofoten vom Wasser aus zu erleben, war geboren. Jetzt - 20 Jahre später - will ich diesen Traum verwirklichen und segle nach Norden. Und alleine segle ich, weil ich niemanden erwärmen konnte, seinen Urlaub für diese kalte Reise zu opfern.


Planung

Die Reisezeit hatte sich aus den beruflichen Randbedingungen ergeben: In fünf Etappen will ich im Laufe eines halben Jahres bis zum Nordkap, und wenn möglich noch weiter, und zurück segeln. Zwischen den Etappen fliege ich immer wieder nach Hause zurück, um den Verpflichtungen mei-nes normalen Lebens nachzukommen. So ergab sich für den Start zur ersten Etappe von Däne-mark nach Tromsö Ende März.


Ausrüstung

Mit einem Kleinlaster habe ich die Ausrüstung zum Boot gebracht: Etwa 300 kg Proviant und 120 kg Getränke sollen mich von den teuren Lebensmitteln in Norwegen weitgehend unabhängig ma-chen. Dazu kommen noch etwa 50 kg Werkzeug, 40 kg Bücher, 20 kg Seekarten, und viel Ande-res. Einige Dinge habe ich extra für diese Reise neu angeschafft, wie z.B. einen Survival Suit, eine EPIRB, eine automatische Mann-über-Bord-Boje und anderes mehr. Alles habe ich gewogen und genau registriert, denn der Trimaran, mit dem ich segle, ist sehr gewichtsempfindlich und ich darf das Zuladungslimit von 1 Tonne nicht überschreiten. Und eine Tonne ist viel weniger, als ich bisher geglaubt habe - für diese Reise fast zu wenig.


Start

Trotz umfassender Planung und reiflicher Überlegung habe ich einige Tage vor dem Start doch noch - oder bereits als Vorahnung? - "kalte Füße" bekommen. Ich bin gar nicht böse, dass ver-schiedene Probleme bei der Indienststellung den Start noch hinauszögern, bis ich dann schließlich in den Kleinen Belt auslaufen muss: Nun ist alles vorbereitet und nichts könnte weiteres Zögern rechtfertigen. Irgendwann muss man halt springen, d.h.den ersten Schritt wagen! Ich erinnere mich an Moitessier, der erst dann lossegelte, wenn er innerlich dazu bereit war. Jetzt fühle auch ich mich für dieses Abenteuer bereit: "Es" segelt mit mir los.


Segeln im Winter

Die ersten Tage sind bitterkalt. Von Beginn an trage ich den warmen Survival Suit. Auch die billigen, aber sehr warmen Fischerhandschuhe lerne ich zu schätzen, denn es zeigt sich schnell, dass die teuren "Hightech" Segler-Handschuhe ihr Geld nicht wert sind. Mein erstes Ankermanöver muss ich in einer eisigen Schneeschauerbö mit 36 kn Wind fahren. Die dahinstiebenden Schneeflocken nehmen mir jegliche Sicht. Fast blind taste ich mich mit Hilfe der DGPS-Position auf dem Chartplot-ter und dem Echolot durch das Schneegestöber zum ausgesuchten Ankerplatz. Kaum greift der Anker, reißen die Wolken auf und die Sonne blitzt wieder vom eisig blauen Himmel. Auch in den folgenden Tagen friere ich bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ziemlich jämmerlich. Insbeson-dere eine flaue Nacht im Kattegat setzt mir sehr zu, bis ich morgens bei Laesø für wenige Stunden vor Anker die kalte Koje aufwärmen kann.


Ein etwas wärmerer (oder war das nur die Gewöhnung an diese Temperaturen?) WSW-Wind bringt mich über Nacht an die norwegische Küste. Mühsam kreuze ich um Lista herum. Vor Egersund irritieren mich einige nur spärlich beleuchtete Fischerboote: Ich will auswiechen und ändere mehrf-ach meinen Kurs. Aber jedes Mal ändern auch sie ihren Kurs. Ich bekomme das Gefühl, als ob sie eine Treibjagd auf mich veranstalteten. Dabei habe ich meine Festbeleuchtung eingeschaltet und strahle die Segel mit Scheinwerfern an. Weil mir die Sache allmählich unheimlich wird, nehme ich schließlich den Motor zu Hilfe und laufe sogar in entgegen gesetzte Richtung wieder nach Süden, um Reißaus zu nehmen. Später lese ich einen Reisebericht von der S.Y. Anita, die über ähnliche Erlebnisse in diesem Seegebiet berichtet.


Tagsüber sehe ich die schneeweißen Berge hinter der Küste, nachts die Lichter der Dampfer, die etwas weiter draußen fahren. Die Nächte sind meist zappenduster. Und die Norweger haben wirklich nur an den notwendigsten Stellen eine Tonne gelegt oder ein Leuchtfeuer angezündet. Bei Stattlandet, dem westlichsten Kap Norwegens, entdecke ich gerade noch rechtzeitig in der Karte ein unbezeichnetes Riff mit nur 1 m Wassertiefe (ohne Lupe kann man in den großmaßstäblichen Karten die darin enthaltenen Informationen manchmal kaum erkennen). Ich musste gerade wieder einmal kreuzen und folgte darum nicht genau den Fahrwassern, auch um der Berufsschifffahrt aus dem Weg zu gehen. Aber in den schwarzen Nächten mit den spärlichen Leuchtfeuern kann man sich hier sehr leicht "verirren". Wie angenehm und fast schon idiotensicher ist da die Betonnung in der Ostsee!



Empfindungen


Wale

Auf Grund der Wetterkarte, die ich jeden Tag sehr gut aus Pinneberg empfangen kann, entscheide ich mich für die küstenferne Route durch die Norwegische See nach Norden. Heute passiere ich bereits die zweite Bohrinselgruppe. Die hell erleuchteten schwimmenden Städte verbreiten etwas Wärme und "Geselligkeit" - gefühlsmäßig, obwohl ich nie einsam bin. Alleinsein schärft die Sinne und macht empfindsamer. Aber ich bin auch vorsichtiger geworden, denn manchmal glaube ich Täuschungen zu erliegen. So z.B., als ich unter Deck einmal eigenartige, lang gezogene Töne höre. Was ist das? Ein technischer Defekt? Schließlich erinnere ich mich an Walgesänge in einem Fern-sehbericht: Es müssen Wale sein! Sie begleiten mich einige Stunden, aber sehen kann ich sie leider nicht.


Fata Morgana

Noch eine Täuschung beschäftigt mich eine ganze Weile: Ich sehe eine Insel, wo in der Karte keine verzeichnet ist. Aber die Insel ist sehr hoch, sie muss in der Karte zu finden sein. Vollends irritiert mich eine andere Insel - sie scheint zu wandern! Bis ich schließlich auf des Rätsels Lösung komme, bin ich doch einigermaßen verwirrt: Es sind Luftspiegelungen (Fata Morgana). Ich habe so etwas noch nie erlebt. Manchmal sind diese Scheininseln zwischen ihrem Gipfel und ihrem Sockel auf der Kimm durch einen dunstigen Schleier mal mehr, mal weniger unterbrochen. Manchmal fehlt diese Dunstschicht und die vermeintliche Insel erhebt sich ganz normal aus der See. Jedenfalls sind klei-ne, nur wenige Meter über das Wasser ragende Schären, auf einmal hohe Berge. Durch Entfer-nung und Verzerrung sind manche Frachter dann auch nicht mehr als Schiff zu erkennen, sondern ähneln eben einer "Insel". Einer Insel, die kaum merklich wandert! Beim ersten Mal frage ich mich schon, ob ich jetzt wohl zu spinnen anfange? Geht das so schnell, wenn man länger alleine ist? Später beobachte ich in der klaren Luft von Norwegens Norden noch häufig solche Luftspiegelun-gen. Sie werden mich faszinierende Erscheinungen.


Siebter Sinn

Auch wenn manche Wahrnehmungen meine Sinne zu verwirren scheinen, so entwickle ich ande-rerseits auch eine Art von siebtem Sinn. Nicht nur einmal befällt mich eine innere Unruhe, kurz be-vor eine kritische Situation eintritt, wie an dem unbezeichneten Riff vor Stattlandet. So komme ich rechtzeitig an Deck und kann eingreifen. Manchmal ahne ich einfach, dass gleich eine Bö über mich herfallen wird oder dass das Boot aus dem Kurs läuft. Den Autopilot benutze ich kaum. Statt-dessen trimme ich das Boot bei festgelegtem Ruder mit den Segeln aus. Wenn dann der Wind et-was dreht oder in der Stärke variiert, ändert sich dementsprechend auch der Kurs. Aber irgendwie spüre ich das einfach unter Deck an einer geringfügigen Änderung des Plätscherns der Wellen am Schiffsrumpf, an den Bewegungen des Bootes, am Rauschen des Windes im Rigg oder an ande-ren Kleinigkeiten, ohne diese bewusst wahrzunehmen. Es entwickelt sich eine Vertrautheit zum Boot, das mir zum Partner wird, mit dem ich mich manchmal sogar unterhalte. Verrückt? Einsam? Oder nur Sein als Teil der Natur?

Zu Beginn der Reise bin ich noch ziemlich unsicher und ungeduldig: Wann dreht endlich der Wind so, wie ich es mir nach der Wetterkarte ausgerechnet habe? Erst allmählich bekomme ich Wetter und Wind in´s Gespür und die nötige Geduld und Gelassenheit.


Gefühlsumschwung

Endlich dreht der Wind auf Südost und nun geht es in Windeseile mit durchschnittlich 8 kn auf die Lofoten zu. Und als am späten Nachmittag die riesigen Felsklötze der Vogelinseln um Røst über die Kimm ragen, lässt mich die Aussicht nach nahezu 1000 eisigen Seemeilen endlich wieder eine ruhige Nacht vor Anker in der warmen Koje ausschlafen zu können, Nässe, Kälte und die manch-mal ruppige See völlig vergessen. Wie schnell so ein Gefühlsumschwung vor sich geht! Auch die letzten, haarigen Kreuzschläge in die Ankerbucht ändern daran nichts mehr: Ich habe die Lofoten erreicht. Der am wenigsten kalkulierbare Reiseabschnitt liegt hinter mir.


Kalender

Am nächsten Tag scheint der Kalender durcheinander geraten zu sein: Vom strahlend blauen Him-mel brennt die Sonne auf einen flauen Vestfjord herunter, in dem ich dümpelnd zwischen den schneebedeckten weißen Bergketten der Lofoten und des Festlandes dahin treibe. Schwitzend entledige ich mich wie eine Zwiebel einer Kleidungsschale nach der anderen, bis ich fast nackt auf dem Trampolin in der Sonne brate - im April nördlich des Polarkreises.



Technische Schwierigkeiten

Aber der Genuss währt nicht lange: Ich finde eine abgebrochene Schraube M10 auf dem Trampo-lin. Elektrisiert suche ich die "Quelle" und stelle fest, dass die Hälfte der Befestigungsschrauben des Auslegergelenkbeschlages gebrochen sind. So laufe ich nach Væröy und kann dort in zwei Tagen den Schaden reparieren. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte technische Problem dieser Reise. Bereits am zweiten Tag war der Gelenkbolzen im Klappgelenk an Stb vorne auf der Kreuz gegen 6 Bft. gebrochen und ich hatte mit viel Glück ohne weiteren Schaden noch den Hafen von Tunö erreichen können. Entgegen meiner Befürchtung, dass die Reise nun schon zu Ende sei, ist die Werft zwei Tage später angereist, hat beide vorderen Bolzen ausgetauscht und die Weiterreise ermöglicht. Dieser Bolzen bricht allerdings dann später in den Lofoten nach einem harten Segeltag erneut. Aber auch dann habe ich Glück und erreiche trotz widriger Umstände unter Motor bei 6 Bft. auf Legerwall liegend durch eine meterhohe, gefährliche Brandung an der felsigen Küste die enge Einfahrt in den schützenden kleinen Hafen Laukvik, wo ich einen Ersatzbolzen mit Bordmitteln ein-bauen kann.


Andere Probleme sind weniger lebensgefährlich, dafür aber sehr unbequem wie z.B. der Ausfall des Autopiloten ST4000 (Bruch des Antriebsriemens), der Ausfall der Fäkalienpumpe und damit des Bord-WCs (à la Erdmann greife ich auf die gute alte Pütz zurück, da eine Reparatur mit Bord-mitteln nicht möglich ist: - der Fäkalientank hatte keinen Absperrhahn und wäre in die Bilge ausge-laufen … !), der undichte Trinkwassertank durchnässt einmal meine Koje völlig, durch Leckstellen im Deck läuft Wasser in die Konservenlast, einige Dosen rosten durch, entleeren leckeren Obst- und Gemüsesaft in die Rost-brühe im Stauraum und im inneren dieser Dosen entwickeln sich dann - je nach Geschmack und Einstellung - phantastische, aromatische oder auch eklige Pilzkulturen. Und die High-Tech-Segel der Fa. Elv-ström bereiten mir ständig Sorgen, u.a. weil das dreilagige, laminierte Tuch der Genua sich nach nur einem Sommer mit etwa 4000 sm an verschiedenen Stel-len auflöst und die äußere Tuchlage reißt: Andau-ernd versuche ich das Segel mit aufgeklebten Tuchstreifen, die sich aber auch andauernd wieder ablösen, einigermaßen gebrauchsfähig zu erhalten. Mit dem Stand bin ich ebenfalls unzufrieden, und die Gewährleistungsreparatur des Groß-segels an den Segellatten durch aufgenähte Streifen bereitet mir durch erhöhtes Gewicht im Segel und häufiges Verhaken beim Segelsetzen viel zusätzliche, leicht vermeidbare Arbeit. Fast zur Ver-zweiflung bringt mich der durch das Fall blockierte obere Rollbeschlag der Genua. Um dieses Pro-blem zu beheben und die Genua wieder setzen zu können, muß ich allein in den Mast aufentern. Aber die Mimik, die ich zu diesem Zweck an Bord habe, versagt. Ohne Genua segelt es sich halt schon sehr viel schlechter. Fast einen Tag lang überlege und probiere ich sicher in den Mast und wieder herunter zu kommen - ohne Erfolg. Erst als ein Fischer zum Putzen seines Fanges in die Bucht beim Nordkap kommt, in der ich ankere, und mir hilft, bekomme ich die Genua wieder klar.



Menschen


Fischer

Der Fischer spricht kein Englisch, ich kein Norwegisch. Mit Händen und Füßen versuche ich zu-erst mein Problem zu erklären, und dann die Bedienung der Winsch. Mit einer großen Portion Zuversicht lasse ich mich von ihm in den Mast hochziehen und beeile mich, schnell wieder herabgelassen zu werden. Für seine Hilfe bedanke ich mich mit ein paar Bierdosen - da strahlen seine Augen zufrie-den. Schon in Væröy hatten mir Fischer geholfen und ich mich mit Bier bedankt. Bier ist in diesem Land der außerordentlich hohen Alkoholpreise (1/2 L Bier ca. 5 €) eine gute Dankes-währung.


Birdwatcher

Andere, wie die junge norwegische Naturschützerin oder der englische Austauschlehrer, die ich bei-de in Vardö kennenlerne, als sie mit unglaublich starken Fernrohren die Vögel auf einer etwa 1 sm entfernten Vogelinsel beobachten, freuen sich einfach über die Unterhaltung. Lange tauschen wir uns über die Lebensumstände in unseren Heimatländern aus. Sie erzählen mir viel Neues über die selte-nen, nur hier zu sehenden Seevögel. Ich erfahre auch, dass birdwatching in England der am weite-sten verbreitete "Volkssport" ist. Beide sind für ihr Hobby von weit her nach Vardö gereist.


Vardö Radio

Auch die Leute von Vardö Radio freuen sich über meinen Besuch und zeigen mir gerne ihre Funksta-tion, die gleich neben der alten Festung liegt. Freundlich laden mich die drei diensthabenden Männer auf einen Kaffee ein und wir diskutieren über dies und jenes (Wetter, Funken, Leben, Arbeiten, Ver-dienst, Segeln, usw.). Der Dienstraum ist voller Elektronik und Computer. Das meiste scheint auto-matisch abzulaufen, nur reden müssen sie (noch?) selbst. Und sie haben dabei einen phantastischen Ausblick: Am Horizont im Südosten zeichnet sich ein dunkler Streifen ab - Russland. Davor breitet sich glatte, ölige See aus. Leider soll sich die Flaute aus Südost in den näch-sten Tagen noch ver-stärken, so dass ich wegen zu knapper Zeit das schon in Sichtweite greifba-re Jakobselv an der rus-sischen Grenze nicht mehr erreichen kann.


Steinar

Bei Steinar habe ich mich mit Wein bedankt. Steinar lerne ich zufällig vor dem Småboot Havne bei der Eismeerkathedrale in Tromsö kennen. Auf der Suche nach einem Liegeplatz für die Etappenpau-se war ich mit meinem Kickboard dorthin gefahren. Er sieht recht unscheinbar aus, wie er so vor sei-nem betagten Auto steht. Aber da sonst niemand da ist, frage ich ihn auf Englisch, ob er einen Lie-geplatz für einige Wochen wüsste. Er mustert mich etwas kritisch, von Kopf bis Fuß spüre ich seinen Blick an mir herunter und wieder hinaufwandern. Dann holt er wortlos sein Han-dy aus dem Auto und beginnt zu telefonieren. Er telefoniert mit vielen Leuten. Er telefoniert lange. Es dauert. Und dann, nach einigen bangen Minuten, als ich schon mit einer Absage rechne, strahlt er mich plötzlich freundlich an und sagt: "Yes, I found a place for your boat!" Steinar ent-puppt sich als Glückstref-fer. Er ist außerordentlich hilfsbereit und erleichtert mir den Aufenthalt in Tromsö sehr. Als pensionierter Offizier der Küstenwache lebt er vor allem mit seinem Boot auf der See. Er kennt die gesamte nor-wegische Küste aus vielen Jahren Seefahrt und zollt mir hohe An-erkennung für diese Reise, ja er sorgt sich um mich, da seiner Meinung nach mein Boot für diese Gewässer viel zu klein sei. Darum besitzt er auch eine - für meine Begriffe - recht große Motor-yacht. Aber das ist halt - wie vieles im Leben - relativ. Steinar gibt mir auch noch viele nützliche Tips, where to go, where to stay, what to do and not to do, usw. Später, als ich ihn einmal von den Lofoten per Handy nach der Essbarkeit von Würmern (Parasiten) im Filet eines frisch gefangenen Dorsches frage, meint er trocken: "Catch another one!" Aber dummerweise bissen dann anschließend keine Dorsche mehr an.


Angeln

Dabei ist Angeln in Nordnorwegen kein Problem - wenn Fische da sind, dann beißen sie auch an. Wenn nichts anbeißt, dann sind eben keine Fische da. Die Kunst ist, die Fische zu finden. Ich habe noch nie vorher geangelt. Den ersten gefangenen Köhler an Bord zu holen und nach dem Betäu-bungsschlag mit einem Kehlschnitt "umzubringen" kostet mich sehr viel Überwindung. Bei den vor-angegangenen Angelversuchen hatte ich deshalb immer insgeheim gehofft, dass kein Fisch anbeißt! Aber nun mußte es sein. Zum Glück ist auf dieser Etappe in den Lofoten meine Frau mit an Bord, die dann das Tier ausnimmt und in der Pantry in ein lukullisches Abendessen verwandelt:. Ab nun über-wiegt der Appetit. Angeln, Schlachten, Ausnehmen und Filettieren wer-den schnell zur Routine. Aus 4 kg frischem Fisch gewinne ich etwa 2 kg frisches Filet. Manchmal esse ich 1 kg frisches Filet am Tag: morgens, mittags und abends Fisch. Manchmal aber sind keine Fische da, keiner beißt an. Und Tagen ohne frischen Dorsch oder Köhler fehlt nun etwas.



Segeln in Norwegen


Mittsommernacht

An die Mittsommernacht gewöhne ich mich sehr schnell: Meist segle ich viel zu lange, bis mir am Ruder schon die Augen zu fallen. Anderer-seits ist es sehr praktisch, dass es nie dunkel wird, bevor ich einen An-kerplatz gefunden habe, was oft sehr schwer ist. Überwältigend sind die Nächte, in denen die Berge brennen: Im Gegenlicht der knapp unter den Bergkämmen stehende Sonne fangen die Kämme an zu leuchten.

Gleißende helle Bergsäume stehen dann in starkem Kontrast vor dun-kelblauen, violetten oder auch orangeroten Wolken und trennen diese von den schwarzen Berghängen. Und mit jeder Minute ändern sich Farben, Formen, Strahlen und Stimmungen. Manchen Abend genies-se ich so im Cockpit nach dem Abendessen mit frischem Fisch, kaltem Bier oder reifem Wein bei klassischer Mu-sik. Vor allem Grieg, Dvorak und Smetana passen für mich zu diesem Land der vielen Naturwunder.


Wind

Angeln ist nur bei wenig Fahrt von 1 bis höchstens 2 kn möglich, also bei Flaute. Zum Angeln habe ich häufig Gelegenheit, denn in den Fjor-den herrschen sehr wechselhafte Windverhältnisse, die von Flaute und stürmischen Fallböen geprägt sind. Während auf der einen Fjordseite guter Segelwind von 4-6 Bft. das Wasser bewegt, herrscht gegenüber auf der anderen Fjordseite in nur 1/2 sm Ent-fernung Flaute. Und eine halbe Stunde später haben sich diese Situation und auch die Windrichtung umgekehrt. Gleichmäßig aus einer Richtung wehende Brisen sind selten, von mir so genannte "Krei-selwinde" viel häufiger: Einen mit festgelegtem Ruder und Segeln ausgetrimmten Kurs zu steuern ist bei diesen ständig drehenden Winden schwierig. Wegen dieser sehr lokal geprägten Windverhältnis-se verlasse ich mich nicht auf die Windvorhersagen in den gut zu empfangenden Wetterberichten. Viel-mehr liefern mir Wetterkarte, Barometer, Wolken und andauernde Beobachtung des Umfeldes die Hinweise auf die Entwicklung des Wetters und des Windes. Vor der Mündung eines Fjordes ins offene Meer oder in einen anderen Fjord gerate ich häufig in Flautenlöcher, in denen ich zum Treib-holz der Strömungen werde, die sich unter dem Einfluss der Gezeiten auch ständig verändern.


Strömungen

Die Strömungsverhältnisse kann ich an Hand der Gezeitentafeln und Hinweise in den nautischen Un-terlagen relativ gut vorhersehen. Das ist wichtig, denn am falschen Ort zur falschen Zeit habe ich ge-gen die Strömung in einem Sund mehrmals keine Chance: Im Gimsöysund mache ich mit Motorhilfe zwar 7,5 kn Fahrt durchs Wasser, aber nur 0,25 - 0,5 kn über Grund. Im Havœysund muss ich um-kehren, als genau an der engsten Stelle mit der stärksten Gegenströmung der Wind infolge der Ab-deckung der steilen Felswände zu beiden Seiten des schmalen Sundes ausbleibt und ich beginne achteraus zu treiben. Der Rystraumen südlich von Tromsø wartet neben starken Strömungen auch noch mit Stromwirbeln auf und einer sogar bei Flaute kochenden Wasseroberfläche infolge des hier im Engpass steil bis auf 15 m Wassertiefe ansteigenden Seegrundes. Den schlimmsten Seegang erlebe ich im Moskenstraumen, als ich versuche die Südspitze der Lofoteninsel Moskenes von Ost nach West gegen Strom und Wind zu umrunden. Steile Seen türmen sich gegen mich auf, vorsich-tig geschätzt sind sie wohl 4 - 5 m hoch. Teilweise brechen sie über uns herein. Wir haben uns schon mühsam um die Südspütze von Lofotodden gekämpft, doch Strom und Wind drehen. Und als keine Aussicht auf "Linderung" infolge Abfallens mehr besteht, drehe ich um und sause mit 10 kn vor ach-terlichem Wind statt an der Westküste (wie geplant) an der Ostküste wieder nach Norden. Zwei Wochen spä-ter bin ich wieder hier. Dieses mal komme ich bei fast völliger Flaute an der Westküste von Norden her. Nun nimmt mich der Strom mit 2 - 6 kn mit und trägt uns richtiggehend um das Kap von Lofotodden: Zu-erst mit Süd-, dann mit Oststrom und schließlich treibt uns Nordstrom in die angepeilte Ankerbucht. Neben uns schwimmt aller möglicher Dreck und Treibgut in einer blasi-gen, schlierigen Masse. Neugierig steuere ich langsam dorthinein und passiere den Streifen - auf der anderen Seite treiben wir auf einmal in die entgegengesetzte Richtung. So kann ich mich durch Wechseln der "Stromspur" innerhalb weniger Meter in entgegengesetzte Richtungen treiben lassen.


Seegang

Beim Seegang ist die Vorausplanung sehr viel schwieriger. Immer wie-der sehe ich mich Wellen aus-gesetzt, deren Heftigkeit und Ursache ich nicht verstehe. Der Grund hierfür liegt wohl in den kom-plexen Ein-flüssen von Wind, Gezeitenstrom und vor allem der Form des Seebo-dens. Bei mäßigem Wind kreuze ich zum Nordkap und muß mich dabei durch einen zwar nicht sonderlich hohen, aber außerordentlich kur-zen und steilen Seegang kämpfen. Ich kann kaum Boden gut machen. Etwa 20 sm nordöstlich der Küste des Nordkyns türmt sich ein für 3-4 Bft. völlig unangemessener Seegang vor mir auf. Erst nachdem ich die Hustadvika mit achterlichem Wind und chaotischem, dem Wind nicht entsprechenden Seegang erlebt habe, kann ich glauben, was das Handbuch zu diesem See-gebiet berichtet: Jedes Jahr gehen hier kleinere Boote verloren. Aber auch größere Schiffe kommen immer wie-der durch den Seegang vor Norwegens Küsten in Schwierigkeiten. Und nicht nur in den vielen von den Handbüchern als gefährlich bezeichneten Seegebieten habe ich unerfreulichen See-gang erlebt, auch anderorts macht mir Seegang immer wieder das Leben schwer.


Seewege

Von all diesen sehr hinderlichen und schwierigen Bedingungen bleibe ich auf dem Weg nach Norden durch die Norwegische See fern der Küste verschont. So lege ich bis zu 160 sm am Tag zu-rück. Auf dem Rückweg aber segle ich durch die inneren Fahrwasser. Die dort sehr wechselhaf-ten Winde und Strömungen erschweren das Segeln. Darum ist der vermeintlich sicherere und bequemere Weg in den Innenfahrwassern auch viel langsamer, da ich hier nur 35 sm je Tag zurücklegen kann. So brauche ich für den Heimweg Inshore sehr viel länger, als ich geplant hatte: der vorgesehene Er-holungs- und Faulenzerurlaub im Fjordland fällt darum aus.


Ankern

Für jede Nacht im Innenfahrwasser muss ich mir einen Ankerplatz suchen, statt nachts zu segeln. Oft habe ich große Schwierigkeiten, einen geeigneten und sicheren Ankerplatz für die Nacht zu finden, vor allem weil die Wassertiefen sehr rasch abfallen oder weil der Grund stark verkrautet ist und der Anker nicht hält. Den kuriosesten Ankerplatz finde ich in der Nähe des Sognefjordes: Eine Felswand stürzt steil ins Wasser und in die Tiefe ab. Aber wenige Meter unter der Wasseroberfläche ragt ein ebener "Balkon" aus der Felswand. Und auf dem Balkon liegt Sand. Dieser helle, türkis schimmernde Sand hebt sich krass vom Schwarz der unergründlichen Tiefe ab. Der Balkon ist gerade so groß, daß man dort sicher ankern kann. Das Boot liegt dann in der Strömung des Fjordes von etwa 2 kn wie in einem Fluss. Ohne Hinweis im Handbuch hätte ich diesen Platz weder gefunden, noch hätte ich ge-wagt, dort zu ankern. Immer wieder entdecke ich auch überra-schende natürliche Häfen. Sie sind kreisrund oder auch wie ein Schlüsselloch geformt mit einem engen Durchschlupf. Wenn es draußen ungemütlich stürmt, herrscht drinnen friedliche Ruhe. Aber oft sind diese Plätze nur für eine be-stimmte Windrichtung geeignet. Und wenn dann der Wind nachts dreht, was häufiger vorkommt, dann kann sich so ein vormals sicherer Hort in eine ungemütliche Falle verwandeln, aus der ein Ent-rinnen gar nicht oder nur unter Gefahr und mit Mühen gelingt. Wie wird der Wind sich in der Nacht entwickeln? Hält der Seegrund? Nicht nur einmal musste ich nachts aus der Koje um das Boot zu sichern.



Das Boot

Dabei segle ich ein flottes Boot: peri (griechisch: rundum) ist ein Trimaran mit einklappbaren Schwimmern vom Typ Dragonfly 1000. Es ist 10 m lang und 7,90 bzw. 3,80 m breit und hat einen Tiefgang von 1,70 bzw. 0,55 m mit aufgeholtem Schwert. Der 15,80 m hohe Mast trägt ein Groß-segel von 40 m2 und eine Genua von 23 m2. Für leichte Winde stehen ein Genaker und eine Topge-nua bereit, für Sturm eine Sturmfock. Mit dieser Segelgarderobe habe ich bislang maximal 15,8 kn erreicht. Auf dieser Reise jedoch segelte ich wegen der Zuladung nicht schneller als etwa 11 kn. Fast allen Yachten, denen ich begegne, kann ich davon segeln, unabhängig vom Kurs. Dabei be-gegnen mir nur wenige Yachten in diesen Gewässern - und sie laufen meist unter Maschine. Meinen Motor mit 18 PS habe ich nur für 3,2 % der gesamten Strecke benutzt, und zwar vorwiegend dann, wenn ich das Flugzeug zurück nach Hause erreichen musste. peri ist mit allen notwendigen Instrumenten wie auch Radar ausgerüstet. Insbesondere der Chartplotter mit elektronischen Seekarten und der DGPS-Position sind für mich als Einhandsegler von unschätzbarem Wert, er ersetzt als Navigator fast eine weitere "Hand" - nur reden kann ich mit ihm nicht. Den Autopiloten (eiserner Rudergänger) habe ich meist nur bei Manövern und beim Ein- und Auslaufen als weitere "Hand" benutzt, da sich das Boot unter Segeln gut austrimmen lässt.



Landschaft & Natur

Aber alle Schwierigkeiten sind schnell vergessen, wenn ich durch die mich tief beeindruckende Welt der Fjorde, Inseln, Berge und Schären segele.


Trollfjord

Von 900 m hoch aufragenden Felswänden umringt gleite ich unter Segeln in den verschneiten Troll-fjord. An der engsten Stelle (ca. 90 m) begegnet mir ein Hurtigruten-Schiff und drückt mich fast in die Felsen. Am Ende des Fjords mache ich an einem kleinen Steg fest. Mein Land"spaziergang" bleibt sehr bald im schultertiefen Schnee stecken: Es gibt Schnee im Überfluss. So baue ich einen Schnee-troll auf peri, der mich dann sogar noch drei Tage auf dem Achterdeck durch die Sunde und Fjorde begleitet. Ich fühle mich wie in 3000 m Höhe auf einem Bergsee in den Alpen: Schneefelder und Gletscher reichen bis ans Ufer herab. Aber an manchen Stellen leuchtet schon frisches Grün des na-henden Frühlings in der Sonne. Sanfte Almen schmiegen sich zwischen wilde Felsabstürze. Im Geg-ensatz zu Væröy mit den charakteristischen von Gletschern geformten Ebenen und weiten Berghän-gen steht hier eine bizarre Bergwelt. Hinter jeder Zinne scheint ein Troll zu wachen, um Störenfriede abzuwehren.


Söröy Sund

Im Söröy Sund südlich von Hammerfest umfängt mich bleierne Flaute. Das Wasser scheint sich in silbrig glänzendes, flüssiges Metall verwandelt zu haben, aus dem in der ferne weiße Schneeberge emporwachsen. Hier entdecke ich das Geheimnis der virtuellen und wandernden Inseln: Luftspiege-lungen gaukeln eine phantastische Welt vor. Zwischen steilen Bergketten finde ich grüne Fjorde mit Sandstränden über türkisfarbenem Wasser. Es sind Bilder wie in den Tropen - nur die Temperaturen sind niedriger und die Palmen fehlen. Aber der Sand hier ist viel angenehmer als der Korallenschrott, den ich auf Atollen der Südsee erlebt hatte. Nicht weit von hier an der Südwestspitze der Insel Söröy, entdecke ich einen riesigen Schrotthaufen zwischen den eng beieinanderliegenden Felsen: Ein russi-sches Schlachtschiff rostet langsam vor sich hin. Auf dem Weg nach Indien zum Abwracken hatte es sich im Sturm von seinen Schleppern losgerissen und wurde dann von der See hierher zwischen die Schären getrieben. Nur an den Resten des Gefechtsturmes erstrahlt ein Kasten in frischem Grau: Die norwegische Küstenwache hat den Turm als Standort für Leuchtfeuer und Radar genutzt: Auch eine Form von downcycling.


Nordkap

Es ist zwar schon spät, aber das Nordkap, Ziel der Reise, ist nicht mehr fern. So kämpfe ich mich trotz Müdigkeit gegen Wind und Seegang nach Nordosten. Und dann sehe ich es: Ein kantiger Berg-klotz schiebt sich von Land her in das Eismeer hinaus. Schlagartig bin ich wieder hellwach. Die Son-ne taucht die Szenerie in goldgelbes Licht - nachts gegen 02:00 Uhr. Dicht unter der riesig aufstei-genden Felswand stampfe ich vorbei. Nicht weit davon liegt die Horn Vika, eine kleine Bucht, die bis zum Bau der Straße für alle Besucher das Tor zum Aufstieg auf das Kap war. Dort ankere ich auf 8 m über Sand. Dann stoße ich mit mir auf das "Bergfest" an. Später an diesem Pfingstsonntag setze ich mit dem Schlauchboot über und steige in steilen Serpentinen die etwa 300 m zur Hochfläche hi-nauf, vorbei an großen Schneefeldern, die in der Sonne glitzern. Droben gibt es nur Steine, Schnee und Eis. Auf dem Parkplatz stehen viele Deutsche. Sie haben alle am Kassenhäuschen an der Straße etwa 35 € Eintritt oder Maut bezahlt. Da wohl niemand hier mit


Seglern oder Wanderern rechnet, ist das Gelände nicht eingezäunt. So mische ich mich unter die Autotouristen und schaue in die Weite des Nordmeeres hinaus. Sehen kann man das Nordkap aber natürlich nur, wenn man nicht auf ihm draufsteht, sondern etwas entfernt ist. Das erlebe ich nach meiner zweiten Nordkap-Umrundung von Ost nach West an meinem Ankerplatz in der Bucht von Knievsfjellodde. Diese westlich vom Kap flach ins Meer auslaufende Halb-insel ist eigentlich der nörd-lichste Punkt Europas. Aber so ein sanft auslaufender Felsrücken ist natürlich nicht so spektakulär und nicht so gut zu vermarkten wie ein hoch aufragendes Kap. So finden nur sehr wenige den Wan-derweg zu dieser Landspitze, auf der ich vor einigen Jahren schon den Anblick des Nordkaps in stol-zer Schönheit genoss. Diesmal aber umwehen Zaubernebel das Kap, verhüllen und enthüllen es. Die Sonne taucht die Nebelschwaden und das umwallte Kap in eine märchenhafte Stimmung: Ich fühle mich wie ein Ritter an einem Ende der Welt.


Nordkynn

Während das Nordkap und Knievsfjellodde auf einer Insel liegen, auf die man früher mit einer Fähre (heute durch einen Tunnel) vom Land her gelangt, ist das etwa 30 sm östlich vom Nordkap liegende Nordkynn Festland und damit der nördlichste Festlandspunkt Europas. Manche sagen daher, dass dieses eigentlich der nördlichste Punkt Europas sei. Darum war es klar, dass ich auf dem Rückweg von Vardö auch dieses Kap ansteuere. So ankere ich im Sandfjord südlich des Nord-kynn. Es scheint eine fast unberührte Bucht - wenn der Müll nicht wäre. Kein Mensch lebt hier, nur selten kommen Besucher per Boot, noch seltener zu Fuß. Bei meinem Landausflug in diese arktische, von Gletschern rund geschliffene und geprägte Landschaft. begegnen mir nur sehr scheue Rentiere. Ein willder Fluss tost durch das von kleinen runden Steinen und großen kantigen Felsklötzen geprägte Tal. Das Wasser schäumt grau-weiß und strudelt.. Da ich ihn nicht überwinden kann, klettere ich die auf meiner Seite steiler emporragenden Schutthänge etwa 300 m hinauf: Zwei Schritte hinaufsteigen, ein Schritt zurückrutschen. Oben bin ich völlig außer Atem und nass geschwitzt: Nach Wochen mit zu wenig körperlicher Bewegung auf dem Boot bin ich eine solche Anstrengung nicht mehr gewöhnt. Aber der Ausblick auf Sonne, Eismeer und das in der ferne schimmernde Nordkap sind grandios und alle Mühe sind vergessen. Lange sitze ich in der kalten Abendsonne und meine Gedanken wandern auf das Eismeer hinaus nach Norden. Wie weit es wohl nach Spitzbergen ist? Und zum Nordpol?


Hütte

Auf der Wanderung zurück zum Boot entdecke ich eine kleine, klapprige Schutzhütte für Wanderer. Neugierig betrete ich sie. Neben einem einfachen Lager mit Wolldecken finde ich in einigen Kisten deutsche Tütensuppen und Fertiggerichte. Der Ofen ist zugleich Herd zum Kochen. Auf dem Tisch vor dem kleinen Fenster liegt das Hüttenbuch. Daraus erfahre ich, dass ich der dritte Besucher in diesem Jahr bin: Der erste, ein Italiener, war im Januar auf Langlaufskiern von Kap Lindesnes quer durch Norwegen hierher gekommen. Vor wenigen Wochen war eine Gruppe mit dem Boot vom nächsten Hafen Mehamn aus da, um ein gut erhaltenes deutsches Flugzeugwrack aus dem zweiten Weltkrieg, das hier irgendwo herumliegt, zu suchen. Und nun trage ich mich ein.


Müll

Auf dem weiteren Weg am Strand entlang werde ich zum Müllstocherer: Es ist erschreckend, was ich alles finde: Turnschuhe, Putzeimer, jede Menge Plastikmüll aller Art, Möbel, riesige Stahlkessel und Maschinen liegen zwischen den Felsen. Schier unglaubliche Spitze ist eine leere Milchtüte mit der Aufschrift "Südmilch - Stuttgart".In einer Traumbucht am Nordende Europas wandere ich durch Europas nördlichste Müllkippe.


Lofoten

Auch die Lofoten bieten Kontraste, aber anderer Art: Bizarre Bergzak-ken erheben sich über ruhigen Fjorden. Fallböen stieben die steilen Felshänge herab und lösen sich nach wenigen Kabellängen über dem Wasser in Flauten auf. Glatte, ölige Wasserkreise werden in Sunden von Strudeln in die Tiefe gerissen und quellen andernorts wieder als große Wasserblasen hervor. Wolken strömen wie ein Fluss von den Bergen herab, jagen lautlos übers Wasser, wirbeln an einer anderen Bergflanke in die Höhe und verlieren sich in der Weite des Himmels über der offenen See. Windstöße spielen mit den Wellen auf dem Was-ser, peitschen es auf und lassen es kurz darauf wieder ausruhen. Grüne Buchten wechseln mit grauen Felsen. Türkisfarbenes Wasser vor Sandstränden suggerieren Tropen nördlich des Polarkreises.


Im Verauf dieser Reise besuche ich die Lofoten dreimal. Und dreimal erlebe ich ganz andere Inseln. Im April liegt überall noch Eis und Schnee. Die erwartete Kälte ist sichtbar, sie steht im Kontrast zur sommerlichen Sonne und Flaute. Im August jage ich in einem Sturm an der Küste entlang, die Lofo-ten zeigen sich so, wie man es aus Schilderungen kennt: stürmisch, eiskalt, lebens-feindlich. Und kurze Zeit später erlebe ich sie im Rückseitenwetter mit strahlendem Sonnenschein, stürmischen Bö-en, tags darauf im Nebel und Dunst mit wechselnden Flauten.


Die Berge, die Fjorde und Sunde sind immer die gleichen, aber Wetter und Licht verwandeln sie in Landschaften ganz unterschiedlichen Ausdrucks. Im Juli vor meiner Rückkehr nach Tromsö soll es sogar Sommer mit über 30°C gegeben haben. Ich erlebe gerade noch einen warmen Sommertag, bevor der Sturm heraufzieht. Die Lofoten sind wechselhaft, launisch. Kaum stellt man sich auf die Flaute ein und kocht in der Ruhe Spaghetti, pfeift eine Fallbö mit 40 kn über das Boot hinweg und verteilt die Tomatensoße im Cockpit. Bis ich reagiere ist der Spuk schon wieder vorbei, das Boot dümpelt wieder auf den Wellen, die kein Wässerchen trüben, aber das Mittagessen war einmal.


Im Kjerkefjord fließen die weißen Wolken an den Bergkämmen entlang, die schon herbstlich goldene Sonne kontrastiert mit dunklen Bergekämmen, grüne Wiesen strecken sich die Hänge hoch. Und al-les gibt es doppelt: Die reale und eine Spiegelwelt verschmelzen auf dem Wasser. An einem der schönsten dieser Segeltage jage ich bei 6-8 Bft. dicht unter der sonnenbeschienenen Westküste von Bö zu Bö. In einer kurzen Pause beißen gleich drei große Dorsche an. Kaum sind sie an Deck jagen wir (peri und ich) wieder dahin. Und abends liegen wir in einem kreisrunden Naturhafen in der fried-lichsten Abendstimmung mit Dunst und Abendsonne.


Spitzbergen

Lange habe ich hin und herüberlegt überlegt. Und als am Tag der Entscheidung die Bedingungen günstig sind, wage ich es doch: Ich setze Kurs auf die Bäreninsel und Spitzbergen ab. Eine Brise treibt uns gut voran, mit einem Schnitt von 8 kn rauschen wir am Wind durch die erste Nacht. Die Kälte spüre ich nicht, das Ziel ruft. Ich rechne mögliche Ankunftszeiten (ETA) aus: Nach 2 weiteren Tagen könnten wir die Südspitze von Svalbard erreichen - wenn es so weiterläuft. Und der Wind soll laut Wetterbericht, den ich telefonisch per Handy aus Tromsö eingeholt habe, für die nächsten 5 Ta-ge sogar noch besser werden. Doch dann setzt eine Dünung aus Nordost ein. Sie behagt peri nicht. Das Boot beginnt in den bereits zweimal gebrochenen Gelenken so stark zu arbeiten, dass ich Angst bekomme. Wenn hier etwas bricht habe ich kaum eine Chance für eine Reparatur auf See. Jeder Knack und jeder Schlag des Beschlages geht mir durch Mark und Knochen. Aber es hilft nichts, das Risiko ist mir zu groß: ich kehre um. Mir ist schlecht. Ich fühle mich elend. Aber das Boot liegt nun ganz ruhig vor dem Wind, als wenn nichts gewesen wäre. Das kann doch nicht sein. Ich ändere den Kurs wieder nach Norden. Nur noch zwei Tage sind es bis Spitzbergen! Es liegt zum Greifen nah hinter dem Horizont. Aber eine weitere Stunde Stampfen, Knacken und Schlagen klopfen mich mür-be: Es ist zu riskant. Wieder kehre ich um, diesmal endgültig. Ich heule. Ob ich jemals wieder diese Chance bekomme? Ich fühle mich, als wenn ich bei schönstem Wetter knapp unter dem Gipfel des Mount Everest umkehren muss. Und wie zum Hohn rauscht peri nun mit 8-10 kn vor dem Wind ohne jedes Meutern dahin, nach Süden. Aber zum Trost erreiche doch noch Björnöya (Bäreninsel). Allerdings liegt diese kleine Insel westlich von Tromsö vor der Küste im Schärengürtel.


Vesterålen

In flauem Dunst erreiche ich die Vesterålen. Vor Andenes soll es Wale geben. Im Morgendunst folge ich einem Walsafari-Boot. Es steuert das Ende eines Unterwasserfjordes an, der von See kommend wenige Meilen vor der Küste endet. Ich kann in der Seekarte diese Topografie gut erkennen. Hier tauchen die Wale gezwungenermaßen aus großen Tiefen auf, holen Luft und verschwinden wieder in der Tiefe. Dort finden sie an den Felshängen unter Wasser ihr Futter: Krill. Die Walsafari-Boote orten die Tiere mit ihren Instrumenten und machen regelrecht Jagd auf sie: Plötzlich machen sie eine scharfe Wendung und preschen mit voller Kraft einige Kabellängen dahin, um kurz darauf wieder ganz ruhig dazuliegen. Und tatsächlich erscheint dort ein großer schwarzer Rücken, ein Blas, und auch mal eine Flosse. Bis auf etwa 50 m bin ich schätzungsweise an einen Wal herangekommen, dann war er wieder in der Tiefe verschwunden.


Weiter südlich finde ich abends in der Sandvik einen ruhigen Ankerplatz für die Nacht. Der Landaus-flug führt mich vom breiten, weiten Sandstrand auf einen Berg. Keuchend und klatschnaß geschwitzt erreiche ich den Gipfel. Dort bläst eisiger Wind. Im Windschatten versuche ich auszudampfen und wechsle die Kleidung. Um mir nicht den Tod zu holen. Und dann genieße ich ein überwältigendes Panorama. Mein Blick schweift vom silbergrauen Nordmeer über die Buchten, Fjorde und Berge der Vesterålen bis hinüber zu den Lofoten. Es ist unbeschreiblich schön hier. Allein diese Augenblicke sind alle Mühen der Reise wert



Heimweg


Auf dem Heimweg nach Süden reihen sich viele beeindruckende Segeltage aneinander: Ich steige auf den Svartisen Gletscher und bestaune das blau schimmernde und glitzernde Eis. In Flauten dümple ich sehr langsam, manchmal nervenaufreibenden Strömungen ausgesetzt, wieder über den Polarkreis nach Süden. Im kurzen Rausch einer klaren Nacht sause ich an der Küste entlang, bis mich kurz vor Trondheim wieder Flaute einfängt und buchstäblich auf dem Wasser festnagelt. In der Trondheim Leia treibe ich störend durch eine Horde deutscher Angeltouristen. Die kreuzförmigen Fjorde, um die sich die Stadt Kristiansund entwickelt hat, durchsegle ich von West nach Ost und Nord nach Süd. In der berüchtigten Hustadvika beutelt mich trotz achterlichen Windes kabbelige See, das Fahrwasser führt knapp an weiß umtosten Klippen vorbei. Gegen den Wind wäre diese Passage unmöglich gewesen. Ålesund glitzert im kalten Licht des Septembers und bietet mir eine kurze Verschnaufpause. Ohne Motorhilfe kann ich trotz Flaute und heftiger Fallböen 90 sm in den Geirangerfjord bis zum Fjordende hinein und wieder hinaus segeln. Einen Sturm wettere ich vor An-ker in einer kleinen Bucht ab, wobei mich eine Winddrehung auf Legerwall bringt. Vor Stattlandet packt eine wilde, bockige See das Boot, so dass es furchtbar knarzt, knackt, quietscht und poltert: Ich lege mir eine Strategie für den Ernstfall zurecht, falls wieder etwas bricht und ich versuchen müsste, an die nahe, von Gischt weiß umschäumte Felsenkküste in Lee zu kommen. Eindrucksvolle Ankerbuchten bieten mir ruhige Nächte in den von kahlen, felsigen Schären geprägten Fahrwassern bis zum Sognefjord. Auf einem märchenhaften Ankerplatz nördlich von Bergen erlebe ich noch ein-mal den Zauber nordischer Nächte: Schillernde Himmelsfarben von Rosa über Violett und blau bis zu tiefem Schwarz mit Abertausenden von Sternen hinter der Scherenschnitt-Kulisse eines schwarzen Waldes.


In Bergen durchstreife ich die Gassen mit den alten Holzhäusern. Mehrmals laufe ich auf den Aus-sichtsberg Floy (quasi als Wiederaufbautraining) und im Aquarium lerne ich die Lebenswelt meiner Angelfische kennen.


In den Schären südlich von Bergen kreuze ich die Kurse Wilfried Erdmanns (Nordseeblicke) und finde wie er zauberhafte Inseln und Buchten. Aber mir erscheinen dieselben Inseln ganz anders als er sie schildert: Jahreszeit und Wetter lassen vieles in ganz anderem Licht erscheinen. Einer Nacht am Fels im Lysefjord folgt ein harte Kreuz gegen heftige Fallböen bis zum Fjordende nach Lysebotn und wie-der zum Fjordausgang. Wieder auf freier See segle ich in einen goldenen Abend. Starkwind zwingt mich zu einer Nacht in der engen Bucht beim Leuchtturm Lindesnes. Und stürmische Winde halten mich dort nicht davon ab, wieder zu angeln und Makrelen zu fangen: Am Abend riecht es dann an Bord saisongerecht wie auf dem Oktoberfest nach Steckerlfisch. In einer "Traumbucht" im von den Sommergästen schon verlassenen Küstenstrich zwischen Mandal und Kristianssand wettere ich nochmals einen Sturm ab, bevor ich in einer ruhigen Nacht das Skagerrak überquere. Auf einem wilden Starkwind-Ritt passiere ich die westliche Durchfahrt der Brücke über den Großen Belt und sehe erstmals in meinem Leben Grundseen. Dann rausche ich durch die schwarze Nacht mit 11 kn den Langelandsbelt nach Süden. Diese letzten Tage verlangen mir und meinem Boot noch einmal alles ab: Zwar ist der Seegang in der Flensburger Förde recht handig, aber Ende September pfeift schon ein eisiger Sturm über mich hinweg. Rechtzeitig zieht die Kaltfront durch und bringt mich mit klarem Sonnenschein wieder zurück nach zum Kleinen Belt, dem Ausgangsort:

Der Kreis hat sich nach 4600 sm geschlossen, mein Traum hat sich erfüllt.                        

 

4600 sm

einhand

mit zwei „besseren Hälften“

auf drei Rümpfen

um vier Ecken Norwegens

in fünf Etappen

  1. 1.Etappe 

   12.4. - 3.5.                       21 Tage

   Skærbæk > Tromsø


  1. 2.Etappe  

    31.5. - 16.6.                    17 Tage

    Tromsø < > Vardø


  1. 3.Tromsø < > Lofoten      

    23.7. - 4.8.                      13 Tage     

   

  1. 4.Tromsø > Skærbæk

    5.8. - 30.9.                      57 Tage      

> Lofoten

> Svartisen

> Ålesund

> Bergen

> Lysefjord

> Lindesnes

> Skærbæk



∑ Gesamt       4600 sm      108 Tage